Kinderarbeit Ziegelei
„Maschinen brachten den Ziegelton heran, Maschinen kneteten ihn, Maschinen nässten und pressten ihn und lieferten in zwei Sekunden dem „Presser“ die Ziegel auf eine vorgehaltene Holzleiste. Der Presser saß auf einem Stuhl hinter der Ziegelpresse und gab die Holzleiste mit Ziegeln an einen dreizehnjährigen Jungen weiter. Der Junge machte in einer Sekunde einen meterlangen Satz und legte die Holzleiste auf einen rotierenden Aufzug, der zum Trockenraum in die erste Etage neben dem Brennofen führte. Dann machte er in der nächsten Sekunde den Satz zurück und nahm den nächsten Ziegel in Empfang.
Der Presser verdiente durchschnittlich 6 Mark, der Junge erhielt 85 Pfennig Tagelohn bei zehnstündiger Arbeit. Er hatte in dieser Zeit zwischen Presse und rotierendem Aufzug 36 Kilometer zurückgelegt und hatte 1260 Zentner geformten Ziegelton zu transportieren. Da gab es kein Warten und Verschnaufen; er war Zwischenglied zweier automatischer Maschinen, die das Tempo der Sätze regelten; und da war die Aufsicht des riesig - großen, rohen Pressers, der furchtbar schrie, wenn er die Ziegel eine viertel Sekunde länger in der Hand halten musste.
Wenn schließlich Pause war, hatte der Junge keinen Hunger und keinen Durst, er war nur müde. Am Abend waren ihm die Knochen wie zerschlagen. Am Morgen spürte er noch größere Müdigkeit. Wenn er dann wieder eine Stunde lang den Weg zwischen Presser und dem Aufzug gemacht hatte, wurden ihm die Minuten zu Stunden und die Stunden zur Ewigkeit.
Von dem vielen roten Staub wurden seine Hände rot, und rot war, was er spuckte, und er glaubte, es sei sein Blut und er müsste sterben. Ach ja, sterben! Wenn er nur sterben könnte, denn anders konnte er ja der furchtbaren Maschine nicht entkommen. Aber er starb nicht. Die Augen wurden wie Glas und lagen tief in den Höhlen, und lachen konnte er auch nicht mehr. Nur hie und da meinte er, wie schön es wäre, wenn er noch in die Schule gehen und singen und lachen könnte. Die Maschine hatte ihn um alles gebracht. In fünf Monaten hatte sie aus einem frohen, helläugigen Kind einen nach Tod und Grabesruhe sich sehnenden Greis gemacht.
Dieser Junge war ich!“
Auszug aus: Nikolaus Osterrath, In der Ziegelfabrik (1889-1890). In: Bauhandwerker und Ziegler im Rheinland. Hrsg. Dieter Pesch; Schriften des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern, Nr. 55, Seite 86 – 88; Rheinland Verlag 1997.