Der meinungsfreudige Architekt

11.2 Der Streitbare Architekt
Sicherlich gibt es aus heutiger Sicht in den 1920er Jahre bekanntere Architekten. Namen wie Gropius, May aus Frankfurt oder Mies van der Rohe sind da eher bekanntere Namen. Dabei spielte Heinrich de Fries in der Liga ganz oben mit. Allerdings eher als Theoretiker denn als Architekt.
 
In zahlreichen Fachzeitschriften veröffentlichte er Artikel zum modernen Bauen, wie die Wohnungsnot zu beheben sei und welche Architektur dafür die richtige sei. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der Städtebau“ erklärte er den Kleinwohnungsbau zum „drängendsten Zeitproblem“. „Das Siedlungsproblem gewinnt geradezu tragischen Umfang… Unruhen sehr ernsten und nicht unberechtigten Charakters werden die Folge sein, […]. Dabei hielt er es für einen „sich immer mehr rächenden Fundamentalirrtum, dass das Wohnbedürfnis der arbeitenden Klasse durch Kleinwohnungen in Form von Einfamilienhäusern befriedigt werden könnte.“ Vielmehr müssten mehr soziale Aspekte eine Rolle spielen als die Gedanken der Architektur.
 
Die städtebauliche Aufgabe, aus: Der Städtebau, 1922:
 
„Aber ich möchte eins nahelegen: Lieber Tuberkulosestatistiken lesen als Piranesi-Stiche durchblättern, lieber Daten der Lebenshaltung des Riesenheeres der Minderbemittelten zu positiver Nutzung feststellen, als klassische Säulenordnungen andächtig kopieren. Und mehr von den Bedürfnissen eines heranwachsenden Kinderkörpers in Hinsicht auf Luft, Licht, Raum und Nahrung mehr und Tieferes zu wissen als von der Gebührenordnung der Architekten. Denn aus der neuen Wohnung der Massen formt sich das neue Haus, der neue Block, der neue Stadtteil, die Siedlung, die Großstadt von morgen. Alles andre, Verkehrsprobleme, Grünflächen, Plätze und Bauten können erst bedacht werden, wenn das Wohnfundament der großen Stadt unserer Zeit erst einmal errichtet sein wird… Manch einer wird das innerliche Verstehen des Worts ‚sozial‘ im Sinn tiefster menschlicher Verantwortung, jenseits von Politik und Partei, erst lernen müssen, um eine Aufgabe zu bewältigen, die, wenn überhaupt, sich in langsamer und zäher Arbeit nur mit dem Herzen eines Menschen lösen lässt.“
Heinrich de Fries, 1928
Heinrich de Fries, 1928