„Ich habe mich nie als Ausländerin gefühlt“

19.2 Rosetta
„Gespielt haben wir meistens auf der alten Werks-Lokomotive an der Morperstraße“, erinnert sich Rosetta. „Wir selbst wohnten direkt gegenüber, in der Siedlung Altstadt.“ Weil die alten Werkshäuser kein eigenes Badezimmer haben, geht es zum Waschtag ins Heyebad. Dort kann sie für 50 Pfennig duschen. „Das hat uns als Kinder nichts ausgemacht, wir fanden den Waschtag immer lustig.“
 
Rosetta Scorpaniti, wie sie heute heißt, wurde 1969 als erstes von fünf Kindern von Leonardo und Carolina Labanca in Gerresheim geboren. „Meine Eltern stammten aus dem süditalienischen Terranova di Pollino.“
 
Am 13. Februar 1962 hatte der Vater mit nur einem Koffer als Gepäck den Zug bestiegen. Nach dreitägiger Fahrt war der damals 23-Jährige in Gerresheim angekommen. Schon einen Tag später hatte er Arbeit in der Glashütte. „Mein Onkel arbeitete bereits dort und erzählte meinem Vater, dass dort Arbeiter gesucht würden.“ Leonardo Labanca fand zunächst ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft auf der Katharinenstraße. „Meine Mutter Carolina hat er dann 1968 während eines Urlaubs in der Heimat kennengelernt. Wenig später holte er sie zu sich nach Gerresheim.“
 
Ursprünglich hatte Leonardo Labanca nicht vorgehabt, in der Fremde alt zu werden. Aber dann wurden es doch 32 Jahre, die er „auf der Hütte" arbeiten ging. 2012 feierte er voller Stolz mit Familie, Freunden und Bekannten sein 50-jähriges Gerresheim-Jubiläum.
 
Tochter Rosetta absolvierte eine Ausbildung bei einem Friseur auf der Heyestraße. „Ich durfte mich als Jugendliche zunächst nur für die Arbeit schminken“, beschreibt sie ihre ‚schwere’ Kindheit. „Mein Vater duldete zuhause weder Lippenstift noch Lidschatten. Das lag sicherlich auch an der strengen, katholisch geprägten Erziehung.“
 
Nach der Hochzeit und dem ersten Kind drückte die junge Mutter erneut die Schulbank, nun die der Meisterschule. „Ein eigener Friseursalon war immer mein Traum. Den habe ich mir dann 1997 erfüllt.“ Ihr Haarstudio auf der Heyestraße ist heute eine Institution.
 
Auf ihre italienischen Wurzeln die Traditionen ist sie stolz und hat sie auch an ihre vier Kinder weitergegeben. Dennoch: „Als Ausländerin habe ich mich in Gerresheim nie gefühlt.“
Leonardo Labanca
Leonardo Labanca als Arbeiter auf der Glashütte (privat)